Vorsicht vor der »Kreativität«

Vorsicht vor der »Kreativität«
Eine sonderbare Überschrift? Nein. Wenn ich mich in den analogen und digitalen Blätterwäldern umsehe, stoße ich immer wieder auf sie - die »Kreativität«, den heiligen Gral der Medienwelt. Sie wird gesucht, gefunden und steht außerhalb jeder Kritik, wobei nach Möglichkeit ihre Reinform beschworen wird. Sie gilt vielen Menschen als Schlüssel zur Ressource Aufmerksamkeit und gleichsam als goldener Weg zum Erfolg. Ist das so? Nein. »Kreativität« ist universell und wohnt so ziemlich jedem Erdenbürger inne, unabhängig von Beruf, Herkunft und sonstigen denkbaren Unterscheidungsmerkmalen. Sie ist einfach da - mal mehr, mal weniger - und schert sich nicht um Schubladen. Da sie omnipräsent, permanent verfügbar ist, wird - marktwirtschaftlich korrekt - zu immer geringeren Kursen auf sie zugegriffen. Dabei ermöglicht die Verfügbarkeit leistungsfähiger Rechner und Software eine noch schnellere »kreative« Taktung, was den Preis weiter sinken lässt und natürlich immer mehr »Kreativität« produziert, da sie in immer kürzerer Zeit visualisierbar ist. Viele verwechseln diesen Umstand mit Fortschritt, obwohl er eigentlich einen Rückschritt darstellt.

Beispiel gefällig?
Vor wenigen Tagen saß ich in einem ICE Richtung Berlin. Wenige Plätze entfernt klammerte sich eine junge Frau an ihre Reisetasche, die - natürlich trendy - ziemlich »clean« mit Markennamen und zugehöriger URL bedruckt war. Das macht »man« heute eben so. Die Tasche aus dem oberen Preissegment wirkte übrigens durchaus wertig, war stylish und irgendwie auch »kreativ« gestaltet. Wäre da nicht... Um es kurz zu machen: Während auf der einen Seite der Markenname, eingebettet in die URL - www davor und com dahinter (Was allerdings schon oldschool ist, denn das www erübrigt sich.), prangte auf der anderen Seite nur der Markenname in Reinform. Dagegen allein wäre erst einmal nichts einzuwenden, wenn nicht zwischen dem ersten und zweiten Buchstaben eine riesige optische Lücke geklafft hätte. »Da war mal wieder jemand kreativ, aber zu blöd, das handwerklich ansprechend umzusetzen.«, durchfuhr es mich.

So far, so bad. Aber hier geht es doch nur um Handwerk und nicht um die Kreativität, werden Sie mir entgegnen. Das stimmt. Doch ich bin noch nicht am Ende. »Kreativität« bedeutet, außerhalb der gewöhnlichen Grenzen zu denken. Derlei Taschen existieren jedoch in unzähligen Varianten, weisen alle die gleichen Gestaltungsmerkmale auf. Sie sind nichts weiter als ein mutloses Plagiat ihrer Vorgänger, ein Design-Zombie - frei nach dem Motto: »Das hatte Erfolg, das machen wir auch.« Natürlich wurde sie gekauft und wird es vermutlich immer noch, allein, weil der »richtige« Markenname darauf zu finden ist. Handwerklich schlecht gemacht und einfallslos bleibt sie dennoch, damit austauschbar, wie eben die Marke in diesem Moment auch, weil sich die positive Annahme eben nicht über das Produkt, sondern nur und ausschließlich über die Marke erreicht. Es werden andere kommen...

Kreativität mal ohne »«
Beuys meinte, jeder Mensch wäre ein Künstler. Das kann man erst einmal unterschreiben, denn im Grunde ist wirklich jeder Mensch kreativ. Das beginnt schon beim täglichen Erwachen und den Entscheidungsprozessen, die in diesem Augenblick in Gang gesetzt werden (müssen). Auch im Berufsleben gilt, dass ohne Kreativität kein Erfolg möglich ist. Damit sind nicht die großen lebensverändernden Erfolge gemeint, sondern die, die uns grundsätzlich überleben lassen. Sie können sich in einem kreativen Umgang in Sachen eigener Arbeitsorganisation äußern oder auch in kreativer Buchhaltung, worüber wir im Moment täglich lesen. Hier bereits beginnt Kreativität - im Alltäglichen - und es ist nicht notwendig, sie mittels Pinsel oder Grafiktablett als Pseudo-Design/Kunst zu manifestieren.

Inspiration, Intuition, Aktion
Eigentlich empfinde ich es als erfreulich, wenn Menschen versuchen, auch künstlerisch kreativ zu sein. Sie lernen so, die Welt »neu« zu betrachten und im Idealfall, sich selbst zu hinterfragen, was oftmals bitter nötig ist. Dabei laufen Kreativprozesse meist gleich ab - zumindest sollten sie das. Es beginnt mit der Inspiration, der Aufmerksamkeit, die dazu drängt, intuitiv zu werden, sich auseinandersetzend und gefühlig visualisierend, was in einer Aktion endet, dem sichtbaren Schaffensprozess. Im Idealfall findet während dieses Prozesses eine Überprüfung statt. Es bleibt also nicht bei der bloßen Idee, die u.U. wider jede Vernunft realisiert wird. Sie wird einer Prüfung unterzogen, in Szenarien eingebettet, widerlegt, befürwortet, Gefahren ausgesetzt, Konkurrierendem gegenübergestellt. Hier findet Kreativität ihren Höhepunkt und wandelt sich von der bloßen Inspiration und der oft vorschnellen Wiedergabe zu etwas Vollständigem. Um diesen Punkt zu erreichen, genügt es jedoch nicht, eine Idee »toll« zu finden - das mag jeder für sich tun. Viel wichtiger ist es, zu ermitteln, ob es sich hierbei nicht nur um einen Bestandteil handelt oder etwas, womit andere Menschen sich positiv verbinden können, die sie wiederum inspiriert.

Was ist zu tun?
Prinzipiell ist diese Frage einfach zu beantworten. Es gilt, mit dem »Rohstoff« Kreativität vorausschauend und vorsichtig umzugehen. Kreativität benötigt entsprechende Rahmenbedingungen aus Reflexion, Zeit und Konzentration. Andernfalls ist sie, bzw. ihr »Ergebnis« nur ein enthusiastischer bunt angemalter Zombie, der über den eigenen Geburtshelfer herfallen wird. Eine Idee ist kein Produkt und manifestierte Inspiration ist noch lange keine Kreativität. Wer jedoch von kreativen Lösungen abhängig ist, und das ist die überwiegende Mehrheit, sollte sie nicht unbeaufsichtigt in die Welt lassen. Entscheidend ist, Kreativität als einen Rohstoff zu begreifen, dem man Raum geben muss, der aber auch Regeln benötigt, was seine Verarbeitung betrifft. Nicht jedes »Kreativchen« verschafft Vorteile, ist nachhaltig - gerade dann nicht, wenn das »Ergebnis« allein im Raum steht und dann schamesrot bemerkt, dass es nur eine weitere Platitüde ist.

Wir benötigen Kreativität. Das steht außer Frage. Allerdings ist es nicht selten fragwürdig, wie wir mit ihr umgehen und es ist von entscheidender Bedeutung, welche Ziele wir verfolgen. Das Ergebnis der Kreativität kann »witzig« sein, wenn es die Umstände erlauben, es sollte »funktionieren«, wenn es die Umstände erfordern. Hierzu - so leid es mir tut - benötigt die reine Kreativität ein solides handwerkliches Gerüst (Liest sich das nicht wunderbar spießig? Immer noch besser, als hätte ich Laufstall geschrieben, oder?). Diesem kommt allerdings nicht die Aufgabe zu, sie einzuengen, sondern letztlich die, sie vor sich selbst zu beschützen und um zu ermitteln, ob es sich im Zweifelsfall überhaupt um das handelt, was man auf den ersten Blick annimmt: Kreativität. Allzu oft ist das leider nicht der Fall.